Die Baunormung ist nicht praxisgerecht
Praxisgerechte Baunormung:
Umfrage unter ZDB-Mitgliedsbetrieben zeigt grundsätzlichen Reformbedarf auf
Beitrag von Dipl.-Ing. Michael Heide, Geschäftsführer Unternehmensentwicklung
im Zentralverband des Deutschen Baugewerbes
Vorbemerkung
Eine praxisgerechte Baunormung ist für alle am Baugeschehen Beteiligten von
großer Bedeutung. Die Baunormung stellt die gemeinsame Sprache der am Planungs-
und Bauprozess Beteiligten dar. Die anerkannten Regeln der Technik spiegeln sich
weitestgehend in der Baunormung wider. Somit stellt die Baunormung nicht nur den
technischen, sondern auch den wirtschaftlichen und juristischen Rahmen für das
Baugeschehen dar. Deshalb sind die Qualität, aber auch die Praxisorientierung
der Baunormung für alle am Bauprozess Beteiligten von größter Bedeutung.
Anforderungen an eine praxisgerechte Baunormung
Die Baunormung darf keine Plattform für die Vertretung von Einzelinteressen oder
die Erprobung wissenschaftlicher Forschungen darstellen. Vielmehr soll sie in
knapper Form die notwendigen Regelungen zur sicheren, dauerhaften und
wirtschaftlichen, kurzum zur nachhaltigen Ausführung von Bauwerken enthalten.
Die Kunst einer baupraxisgerechten Normung liegt gerade in der Beschränkung auf
das Sinnvolle und nicht in der Regelung des Letztmöglichen. Wahre Ingenieurkunst
beweist sich darin, in der Realität äußerst komplexe Strukturen auf praktikable,
aber zugleich hinreichend genaue mechanische Modelle zu reduzieren. Hieraus
resultiert im Idealfall eine Baunormung, die sich für alle Beteiligten wie ein
verständlicher Leitfaden für die Errichtung von Bauwerken liest. Im Einzelnen
definieren sich die Anforderungen an eine praxisgerechte Baunormung wie folgt:
• Normung von Bauprodukten
Bauherren, Verbraucher und ausführende Unternehmen müssen darauf vertrauen
können, dass die Qualität von Bauprodukten ihrem Verwendungszweck entspricht. Es
ist unabdingbar, maßgebende Eigenschaften wie Abmessungen, Maßtoleranzen,
Festigkeiten und bauphysikalische Kennwerte von Bauprodukten zu normieren. Aus
unterschiedlichen Anwendungsbereichen resultieren unterschiedliche Anforderungen
an die Materialien. Beispielsweise muss ein Klinkerziegel für ein
Fassadensichtmauerwerk frostbeständig sein, ein Hintermauerziegel hingegen
nicht. Eine praxisgerechte Materialnormung muss diese unterschiedlichen
Anforderungen in Form von Leistungs- oder Güteklassen bzw. Mindeststandards
widerspiegeln.
• Normen zur Planung und Ausführung
Fast alle Bauvorhaben stellen Unikate dar, deren Planung und Ausführung nicht
durch Prototypen oder Vorserien optimiert werden kann. Deshalb muss bereits der
„erste Wurf“ der Planung und Ausführung eines Bauvorhabens gelingen. Es gilt,
eine Vielzahl von Bauteilen aus unterschiedlichsten Materialien und
Konstruktionsarten zu einem dauerhaft funktions- und gebrauchstüchtigen Bauwerk
zusammen zu fügen. Im Einzelnen gilt es der Statik, der Bauphysik (Feuchte-,
Wärme-, Kälte- Schall- und Brandschutz), optischen Anforderungen und der
Nachhaltigkeit des Bauwerks Rechnung zu tragen. Hierfür sind der Planung sowie
der Bauausführung praktikable technische Regelungen an die Hand zu geben, die
insbesondere die aus den sehr unterschiedlichen Einzelanforderungen
resultierende Komplexität der Gesamtkonstruktion berücksichtigen müssen.
Somit muss bei der Regelung einzelner Anforderungen der Blick auf das Ganze
gerichtet sein. Es darf nicht sein, dass bezüglich einer Einzelanforderung der
Stand der Wissenschaft zur Messlatte erhoben wird, ohne die vielschichtigen
übrigen Anforderungen an das Bauwerk sowie an die Wirtschaftlichkeit der
Gesamtkonstruktion im Auge zu behalten.
Die einzelnen Fachnormen sind deshalb so übersichtlich und knapp wie möglich zu
gestalten. Maxime der Baunormung muss es sein, die Anforderungen an die
Baukonstruktionen auf einem technisch sowie wirtschaftlich sinnvollen Niveau zu
regeln.
Situationsanalyse
In jüngster Zeit mehren sich kritische Stimmen, die eine immer mehr der Praxis
entrückte Baunormung beklagen. Dazu gehören der ausufernde Umfang der Normung,
der den Beteiligten einen Überblick nahezu unmöglich macht, wie auch die immer
kürzer werdende Normungszyklen. Nicht nur die bloße Anzahl von über 3.000
Baunormen, sondern auch der ständig anschwellende Umfang der einzelnen Normen
macht einen Überblick über die Baunormung selbst Normungsexperten nahezu
unmöglich.
Der Nutzen der immer komplexer werdenden Regelungen wird kritisch hinterfragt,
da nach Beobachtungen aus der Praxis hierdurch weder signifikant
wirtschaftlichere noch leistungsfähigere oder dauerhaftere Konstruktionen
erzielt werden. Vor diesem Hintergrund hat der Zentralverband des Deutschen
Baugewerbes unter seinen Mitgliedsbetrieben eine Umfrage zum Thema
„Mittelstandsgerechte Normung“ durchgeführt
Umfrage zur Baunormung
Das Deutsche Baugewerbe betrachtet die Baunormung als wesentliches Hilfsmittel.
Sie wird als ein geeignetes Instrument angesehen, Innovationen nach einer
ausreichenden Praxiserprobung als allgemein gültige Regeln zu verankern. So das
Resümee der Umfrage. Die europäische Normung von Bauprodukten wird hingegen von
einer großen Mehrzahl der befragen Betrieben negativ beurteilt. Ursache ist die
in den europäischen Material normen oftmals fehlende oder in Bezug auf hiesige
Verhältnisse und Anforderungen impraktikable Festlegung von Mindeststandards und
-güten. Grundsätzlich muss wegen der unterschiedlichen bauaufsichtlichen
Anforderungen, den unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen und den
unterschiedlichen Bauweisen in den einzelnen EUMitgliedsstaaten die Normung der
Bauausführung den einzelnen Mitgliedsstaaten vorbehalten bleiben.
Eine erhebliche Anzahl der befragten Unternehmen sieht die
Energieeinsparverordnung (EnEV) 2009 nicht als geeignetes Instrument an, die
energetische Gebäudesanierung im notwendigen Maße zu fördern. Dies gilt
insbesondere für die mit der EnEV verbundenen Normen und Nachweisverfahren.
Allein die DIN V 18599 „Energetische Bewertung von Gebäuden“ umfasst derzeit
mehr als 800 Seiten, wobei diverse weitere Normen zum Nachweisverfahren
heranzuziehen sind.
Äußerst alarmierend ist, dass 80 % der befragten Unternehmen ihren Prüf- und
Hinweispflichten gemäß VOB im Hinblick auf statisch-konstruktive Belange nicht
ausreichend nachkommen können. Ursache dafür ist eine nicht praxisgerechte
Normung, die die Tragwerksplanung auch für qualifizierte und oftmals
bauvorlageberechtigte Baupraktiker zum „Buch mit sieben Siegeln“ werden lässt.
Die über Jahrzehnte bewährten Bemessungsnormen für Konstruktionen aus Mauerwerk,
Beton, Stahlbeton, Holz und Stahl wurden durch äußerst komplexe
Berechnungsformeln ersetzt, denen eine semiprobalistische Sicherheitsphilosophie
zu Grunde liegt. Für übliche Bauwerke des Hoch- und Tiefbaus ist diese Art von
Normung schlicht und ergreifend als unverhältnismäßig komplex zu beurteilen.
Da die Mehrzahl der ausführenden Unternehmen die tragwerksplanerischen
Anforderungen nicht mehr nachvollziehen kann, wird durch die
nicht-praxisgerechte Normung auch die Sicherheit unserer Bauwerken in Frage
gestellt.
Forderungen des Deutschen Baugewerbes an eine zukünftige Baunormung
• Die Baunormung ist praxisgerecht zu gestalten
• Für Bauprodukte müssen Mindestanforderungen und -güten normiert sein.
Diesbezüglich mangelhafte europäische Normen müssen überarbeitet oder durch
nationale Normen ersetzt werden.
• Für übliche Hochbauten sind handhabbare Bemessungsnormen mit globalen
Sicherheitsbeiwerten (wieder) einzuführen.
• Normen zur Bauausführung sollten sich inhaltlich auf die wesentlichen
Anforderungen und Ausführungsweise beschränken.
• Das Anforderungsniveau in der Baunormung ist allgemein unter Gesichtspunkten
der Verhältnismäßigkeit, Praktikabilität, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit
zu überprüfen.
• Die energetische Gebäudemodernisierung stößt bei einem zu hohen
Anforderungsniveau an technische und wirtschaftliche Grenzen. Eine nochmalige
Verschärfung der Anforderungen ist deshalb als kontraproduktiv abzulehnen.
• Die Nachweisverfahren zur EnEV sind praxisgerechter zu gestalten und in einer
Norm mit deutlich weniger als 800 Seiten Umfang zu bündeln.
Presseinformation
ZDB, 3. Juli 2009
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